Ich möchte eine kleine, etwas philosophische Geschichte mit euch teilen.
Vielleicht könnt ihr mitfühlen
Mich verfolgte seit meiner Kindheit ein Gedicht von Edgar Allan Poe: „Ein Traum in einem Traum“. Dieses fand ich auf einer Seite in einem der Goldenen Kompass-Bände. Dieses Gedicht sprach mir schon damals aus der Seele.
Ein Traum in einem Traum
Auf die Stirn nimm diesen Kuß!
Und da ich nun scheiden muß,
So bekenne ich zum Schluß
Dies noch: Unrecht habt ihr kaum,
Die ihr meint, ich lebte Traum;
Doch, wenn Hoffnung jäh enflohn
In Tag, in Nacht, in Vision
Oder anderm Sinn und Wort –
Ist sie darum weniger fort?
Schaun und Scheinen ist nur Schaum,
Nichts als Traum in einem Traum!Mitten in dem Wogenbrand
Steh’ ich an gequältem Strand,
Und ich halte in der Hand
Körner von dem goldnen Sand –
Wenig, dennoch ach, sie rinnen
Durch die Finger mir von hinnen –
Weinen muß ich, weinend sinnen!
Ach, kann ich nicht fester fassen,
Um sie nicht hinwegzulassen?
Ach, kann ich nicht eins in Hut
Halten vor der Woge Wut?
Ist all Schaun und Schein nur Schaum –
Nichts als Traum in einem Traum?Edgar Allan Poe
Für mich bedeuteten Träume schon damals, sich mit mir und meinen Erlebten, meinen Ängsten und Wünschen auseinanderzusetzen. Natürlich gehörten dazu auch Sehnsucht und der Versuch, an etwas festzuhalten, sei es etwas, was man liebt, oder auch Verhaltensweisen („gut wie schlecht“).
Wie etwas greifen zu können, was so nah, aber doch sehr weit entfernt für mich schien.
Umso älter ich wurde, steigerte sich die Angst vor diesen Träumen, da sie mich in meiner wachen Welt verfolgten und mich nicht zur Ruhe kommen ließen.
So dass ich mich schlussendlich, um meinen Gedanken und Träumen zu entfliehen, paradoxerweise in eine Traumwelt flüchtete und diese Stück für Stück durch den Konsum von verschiedensten Substanzen aufbaute.
In dieser wandelte ich umher, am Anfang noch mit Kontrolle. Ich bestimmte das Ergebnis von dem, was ich tat. Zumindest dachte ich das, da es am Anfang gut funktionierte.
Die Abstände in der „realen Welt“ verkürzten sich, sodass ich nicht mitbekam oder es auch nicht wollte, dass die Welt sich weiterdrehte. Sie zog an mir vorbei und überrundete mich.
Den Moment festhalten wollend, in dem man glücklich ist. Aber was ist Glück?
Die Vergangenheit herbeizusehnen, in der alles in Ordnung war. Aber wann war schon alles in Ordnung, wieso muss ich an Vergangenem festhalten?
Das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit fest umschließen. Aber habe ich so etwas nicht sogar schon?
Die Zukunft in allen Bahnen und Variablen durchspielen und für sich den perfekten Weg finden. Ist das Unbestimmte nicht vielleicht sogar das Reizvolle am Leben?
Schlussendlich sehnen wir uns, und da nehme ich mich nicht raus, nicht irgendwo nach all diesen Dingen?
Der „Traum“, wie schön er auch war, den ich all die Jahre versuchte aufrechtzuerhalten, zersplitterte immer mehr. Er wurde grauer, die Farben verblassten. Es verwischte immer mehr, als wenn jemand mit einem feuchten Lappen versuchte, das Bild wegzuwischen.
Am Ende vermischten sich die Farben der „realen“ und der „Traumwelt“, sodass all die Dinge, die ich bis dahin hatte und doch fest in meinen Händen hielt, mir entwischen.
Nun wandelte ich ohne Kompass, der mir die Richtung wies, durch diese Lande, suchte den Ausgang aus dem Traum und wurde nur in einem neuen, noch düsteren Traum „wach“. Wandernd durch diese Gefilde gab ich mich dem hin und verlor mich.
Eine Hand durchstieß diese Grenzen. Hoffnungsvoll, denn diese bewahrte ich im Inneren auf, ergriff ich sie.
Ich bekam einen neuen Kompass, mit diesem konnte ich in unsere Welt, die wir teilen, zurückkehren. Es dauerte, bis ich begriff, dass ich vieles, was ich suchte, doch schon gefunden hatte, aber es nicht greifen konnte.
Nun träume ich im nüchternen Zustand hin und wieder vor mich hin und habe einen großen Koffer dabei, mit all den Sachen, die mir im Wachen so viel bedeuten, und er wird stetig schwerer.
Ein großer Dank geht an meinen Dad, er war in dieser Zeit mein Kompass und Begleiter. Die einzige Hand, die ich zu greifen vermochte.